Na, wie groß werden wohl noch die Löcher in den öffentlichen Haushalten??? › theo
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09.03.2009

Jugendkriminalität in Bergisch Gladbach, 2. Teil

Jugendkriminalität in Bergisch Gladbach, 2. Teil

Maßnahmen: Was können wir tun?

Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir der Kriminalität Jugendlicher keineswegs rat- und hilflos gegenüberstehen und dass auch die in ab und zu durch Medien geschürte Krisenstimmung nicht allzu viel mit der Realität zu tun hat. Ein in den Polizeistatistiken der letzten Jahre verzeichneter Anstieg der Zahlen bedeutet keine Zunahme der Jugendkriminalität, sondern im Gegenteil eine höhere Aufklärungsquote, was jedoch gerne missdeutet wird. Tatsache ist, dass Bergisch Gladbach in Bezug auf Jugendkriminalität gar nicht so schlecht dasteht. Trotzdem können noch viele Maßnahmen ausgebaut werden.

Besonders Frau Hebborn von der Kriminalpolizei Bergisch Gladbach betonte die Wichtigkeit einer klaren, fairen und unmittelbaren Reaktion auf jugendliches Fehlverhalten, sei es pädagogisch oder juristisch. Sie stellte heraus, dass die jugendlichen Straftäter gerade zu ein Recht auf diese richtige Antwort auf ihre Tat besitzen, da nur so die Möglichkeit besteht, sie vor einem langfristigen Abrutschen in die Kriminalität zu bewahren. Nebenbei bemerkt ist die Gesetzeslage in Deutschland, was die Kriminalität Jugendlicher betrifft, im Vergleich zu Frankreich sehr gut, wie uns unsere französische Referentin, die Jurastudentin Orane Dornier mitteilte. Im Gegensatz zu Frankreich und anderen europäischen Ländern sei das Strafmaß sehr gemäßigt, die Effizienz der Strafen aber statistisch gesehen höher als in diesen. Ein Problem bleibt jedoch die angespannte Personalsituation bei den Gerichten, die gerade die Unmittelbarkeit der juristischen Antwort leider oft unmöglich macht. Die Rückfallquote von Jugendlichen, die zu Jugendarrest verurteilt wurden, beträgt laut der langjährigen Erfahrung des Jugendrichters Sellmann 70%, während auf Bewährung gesetzte jugendliche Straftäter zu 70% nicht mehr straffällig werden. Obwohl Jugendarrest in manchen Fällen unumgänglich ist, sind offener Vollzug oder pädagogische Maßnahmen zu bevorzugen. Trotzdem dürfen sich gerade Lehrer nicht der Illusion hingeben, sie täten dem Schüler etwas Gutes, wenn sie es bei Delikten in schulischen Rahmen, sei es physische Gewalt, sei es Diebstahl, nicht zu Anzeige kommen ließen. Verbreitet ist die Meinung, man verbaue dem Schüler durch eine Anzeige seine Zukunft. Frau Hebborn dagegen informierte uns, dass es in den meisten Fällen von Kriminalität in der Schule noch nicht einmal zu einem Eintrag ins Strafregister komme. Weit komplizierter gestaltet sich die Lage in Fällen von physischer Gewalt, die strafrechtlich oft nicht verfolgt werden können. Gerade hier sind pädagogische Maßnahmen im Rahmen von Schule und Unterricht am effektivsten.

Die Effektivität von Jugendcamps als Einrichtungen für den dauerhaften Aufenthalt jugendlicher Straffälliger ist ambivalent zu bewerten. Zwar ist der kurzfristige Erfolg der Methode, viel Sport und Sanktionierung des Verhaltens, nicht zu leugnen, allerdings ist dieser Erfolg schnell wieder dahin, sobald die Jugendlichen in ihre alten Verhältnisse zurückkehren. Problem: Die Anschlussmaßnahme fehlt!

Bei all diesen Maßnahmen fragt man sich jedoch, was die Kommunalpolitik ganz konkret zur Verminderung der Jugendkriminalität betragen kann. All unsre Referenten setzten hier auf das gleiche Pferd: Prävention ist gefragt!

Ganz oben steht hier die Bildung, die allgemein als wertvollster Schutzfaktor gegen Kriminalitätsanfälligkeit angesehen wird. Einrichtung von Ganztagsschulen mit überzeugendem Konzept, Verbesserung des Schulklimas und Bereitstellung von genügend Ausbildungsplätzen sind gefragt.

Jugendliche wollen sich engagieren und sinnvoll beschäftigen. Hierzu muss ihnen die Möglichkeit geboten werden. Dass sich die Schließung von Jugendzentren und Entzug von finanzieller Unterstützung nicht gerade als produktiv erweist, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Gerade ein Konzept für Jungenarbeit muss systematisch aufgebaut und durchgeführt werden. Ein echter Mangel an männlichen, positiven Vorbildern in Gesellschaft und Medien muss ausgeglichen werden. Gerade Jungen benötigen oft in stärkerem Maße als die ohnehin „braveren“ und in der Schule besseren Mädchen Stärkung ihres Selbstvertrauens, Training in Selbstbehauptung und in den "soft skills" und Unterstützung im Bildungsbereich.

Desweiteren sind der Ausbau von unterschiedlichen Maßnahmen wie Anti-Gewalt- und Verkehrstrainings und sozialen Trainings fortzuführen. Außerdem hat sich die erhöhte Polizeipräsenz an „kriminalitätsanziehenden“ Orten als einfache, aber erfolgreiche Prävention erwiesen.

 

Ausblick

Festzustellen bleibt, dass es nicht unsre Aufgabe ist, große Unternehmen, wie großartige Gesetzesreformen oder das Abreißen ganzer Siedlungen anzuvisieren, sondern konkret und realitätsnah mit Teilschritten auf den unteren Ebenen zu arbeiten, die oft mit wenig Aufwand und ein bisschen gutem Willen durchzuführen sind. Dazu zählen die Messung, Evaluation und Verbesserung des Schulklimas und das Aufrechterhalten von Jugendzentren und anderen Jugendtreffs. Kooperation in allen Bereichen muss groß geschrieben werden: Das gesamte System sollte ein Personenverband und keine anonyme Maschinerie sein, die den jugendlichen Straffälligen als riesiges Monstrum gegenüber steht. Zuletzt – oder vielleicht auch zuallererst – sind aber Zivilcourage und konsequentes Handeln die Aufgaben und Anforderungen an alle. Schließlich ist jeder Einzelne ein Teil der Gesellschaft, die Jugendkriminalität entstehen lässt.